Angela Piekoschowski
Heilpraktikerin für Psychotherapie
Fachwirtin im Sozial- und Gesundheitswesen
 

                          

 

Trauer und Schmerz

Letztendlich gehen alle Menschen individuell mit ihrer Trauer um. Daher benötigt auch jeder Mensch seine eigene Trauerzeit. Diese kann wenige Monate, aber auch mehrere Jahre dauern. Manchen helfen häufige Grabbesuche, anderen eher nicht. Aber den meisten Trauernden helfen Gespräche und einfühlsames Verstehen. Der Trauerprozess dient dazu, den Schmerz zu verarbeiten, daher ist Zeit kein festes Kriterium, sondern individuell, denn jeder trauert anders.

Der klinische Psychologe Prof. Georg Bonnano widmet sich seit vielen Jahren der systematischen Erforschung des Trauerns.  

Hierzu hat er ein Buch veröffentlicht "Die andere Seite der Trauer: Verlustschmerz und Trauma aus eigener Kraft überwinden".

Die meisten Menschen besitzen eine sogenannte psychologische Resilienz. Das ist die Fähigkeit, mit einem stressigen Ereignis gut aus eigener Kraft umzugehen. Das kann bedeuten, dass ein resilienter Mensch gestärkt aus einer Krise hervor gehen kann.  

Prof. Bonnano hat herausgefunden, dass Trauer und Schmerz nicht, wie bisher angenommen, in Phasen auftreten, sondern vielmehr in Wellen. Diese Wellen werden mit der Zeit immer kürzer und nehmen an Intensität ab. Negative Gefühle wechseln sich immer wieder mit positiven Gefühlen ab, auch wenn zu Beginn die Momente der Freude eher kurz sind. Das bedeutet, wir pendeln während der Trauer zwischen den verlustbezogenen Prozessen (Kummer, Schmerz und Sehnsucht) und den regenerativen Prozessen (Ablenkung, Momente der Freude und zukunftsgerichtetes Denken).  

Momente der Freude bedeuten also eine Pause vom Schmerz. Das ist ein gesunder Mechanismus der Psyche und sie sind damit heilsame Elemente zur Bewältigung der Trauer. Die Abwesenheit von intensiver Trauer muss aber nicht bedeuten, dass wir nicht gesund mit dem erlittenen Verlust umgehen. Auch in diesem Fall kann unsere Psyche gut für Stabilität sorgen.  

Die Forschungsergebnisse haben ergeben, dass zwar viele Menschen innerlich die Beziehung mit dem verstorbenen Menschen fortführen; aber anders. Wir spüren die Präsenz des geliebten Menschen, reden mit ihm und empfinden die "Gegenwart" als tröstlich und hilfreich. Trotz dieser "fortgesetzten Beziehung" sind wir irgendwann in der Lage, neue Beziehungen einzugehen.

Resiliente Menschen können je nach Situation ihre Gefühle der Trauer auch mal unterdrücken oder zurückstellen. Denn ein konstruktives Leben trotz des Verlustes macht es manchmal erforderlich, dass man sich auf das Außen konzentriert und nicht auf seinen Verlustschmerz.

Warum trauern wir?

Trauer ist eine gesunde Reaktion auf die Verluste. Sie ist wichtig und hilft der ohnmächtigen Seele, das Unfassbare zu begreifen. Dieser Heilungsprozess darf nicht unterdrückt werden und ist notwendig, um Abschied, Trennung und Ablösung vollziehen und trotzdem weiterleben zu können. Trauer ist zum einen ein Zeichen von Selbstmitleid und Egoismus (Warum tut mir das Schicksal das an?) als auch ein Zeichen von Liebe. Wir trauern, weil wir lieben...

Es gibt vier Trauerphasen:

  • Schock und Verleugnung (nicht wahrhaben wollen)
  • Emotion
  • Rückzug und innere Auseinandersetzung
  • Akzeptanz und Neuorientierung

Die erste Phase des Schocks und der Verleugnung dauert i.d.R. wenige Stunden bis zu einigen Tagen. Gerade bei plötzlichen Verlusten sind die Reaktionen häufig:

- den Tod nicht wahrhaben wollen

- Fassungslosigkeit

- lauter Protest-

- verzweifeltes Klagen

- körperliche Zusammenbrüche

- ...

Aber auch bei Verlusten nach langwierigen Krankheiten kommt es zu dieser Schockphase, auch wenn man denkt, man habe sich doch vorbereiten können.

In der zweiten Phase der Emotion kommt es häufig zu Verlusten der Selbstkontrolle, was sich in Weinen, Wutausbrüchen, Verzweiflung, Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse, Schuldgefühlen, Ängsten, Sehnsucht u.ä. äußert. Fragen nach dem Warum und dem Sinn des Lebens tauchen auf. Es können auch Befürchtungen autreten, am Rande der Belastbarkeit zu stehen. Es ist, als bewege man sich auf dünnem Eis...

In der dritten Phase Auseinandersetzung wird der Verlust nicht mehr verdrängt. Es werden z.B. Orte des gemeinschaftlichen Erlebens besucht. Die Realität setzt sich langsam immer mehr durch und akzeptiert. Viele Trauernde erleben jetzt Einsamkeit und Leere sehr bewusst und wirken häufig abwesend und depressiv. Äußerliche Verletzbarkeit und Reizbarkeit zeigen sich, oft ziehen sich die Trauernden von anderen Menschen zurück und grübeln viel.

Erst in der vierten Phase Akzeptanz und Neuorientierung können die Trauernden die vorangegangenen Verhaltensweisen so nach und nach wieder aufgeben. Der erlittene Verlust kann nun in vollem Umfang anerkannt werden.

Einen normalen festgelegten Trauerverlauf gibt es nicht. Der Trauerprozess ist für jeden anders und nicht vorhersehbar. Die persönlichen Kraftquellen und die Möglichkeiten zur Bewältigung von Krisen sind individuell.Der Übergang zwischen den Phasen ist fließend und es kann immer wieder dazu kommen, in die vorherige Phase zurückzufallen.

Gut gemeinte Ratschläge wie "Zeit heilt alle Wunden" etc... sind nicht besonders hilfreich. Wichtiger ist es den Trauernden zu fragen: "Was kann ich für dich tun, was brauchst du jetzt..." Manchmal fehlen uns einfach die Worte und das dürfen wir dann auch sagen, denn das ist aufrichtiges Mitgefühl und besser, als den Kontakt aus lauter HIlflosigkeit zu vermeiden.

Trauer zuzulassen ist ein sehr mutiger Weg, der uns zu einem neuen Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Bedürfnisse führen kann. Alle Gefühle, die da sind, dürfen da sein und wahrgenommen werden, sogar Freude, die es trotz aller Trauer auch gibt.

Manchmal kann es jedoch erforderlich werden, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen, z.B. wenn der Trauernde in einer bestimmten Phase verbleibt, aber insbesondere auch bei dem nachfolgenden Thema.

Trauer bei Suizid

Der Suizid eines nahen Angehörigen belastet die Hinterbliebenen sehr und sie erleiden meistens einen Schock.

Bei den Betroffenen werden oft Schuldgefühle hervorgerufen, weil sie sich die quälende Frage stellen, ob sie den Suizid nicht hätten verhindern können. Die bestehenden Beziehungen werden dann häufig durch offene oder unausgesprochene Schuldzuweisungen belastet. Zudem ziehen sich viele Familienmitglieder und auch Freunde vom Suizidhinterbliebenen zurück, d.h., den Hinterbliebenen wird die soziale Unterstützung entzogen.

Das alles läßt vermuten, dass Suizidhinterbliebene ihre Trauer deutlich schwerer bewältigen als nach einer "normalen" Todesart. Denn der Suizid wird oft als extreme Form der Trennung und als Zurückweisung erlebt. 

Wesentliche Aspekte der Behandlung sind das Bemühen, die Hintergründe zu benennen und neu einzuordnen, der Umgang mit Tabus, Stigmatisierungen, Vorurteilen und Ängsten im Umfeld sowie die Verarbeitung traumatisierender Erlebnisse wie z.B. das Auffinden des Verstorbenen.

Daher gestaltet sich die Trauerbegleitung eines Suizidhinterbliebenen intensiver als bei einem "normalen" Todesfall.  

Im Mittelpunkt der Trauer und des Erinnerns steht der lebendige Mensch auf seinem Trauerweg und der verstorbene Mensch in all seinen Facetten. Ein wesentlicher Aspekt ist, den Verstorbenen nicht "loslassen zu müssen", sondern ihm einen neuen Platz zu geben.